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Das Prinzip des Judo, so hört man oft, bestehe im „Siegen durch Nachgeben“. Es wird gesagt, diese besondere Art nachzugeben, sei eine spezifisch asiatische Erfindung, die in Europa keine Tradition hätte.

Der Gedanke, durch sanfte Methoden Erfolg zu haben, ist jedoch nicht allein asiatischen Ursprungs. Der römische Dichter Aesop schrieb bereits vor etwa 2000 Jahren seine Fabel von der Sonne und dem Nordwind:

Der Nordwind und die Sonne streiten sich, wer mächtiger sei.
Um seine Macht zu demonstrieren, versucht der Nordwind einem
Wanderer die Kleider vom Leib zu blasen – ohne Erfolg. Der Wan-
derer hüllt sich um so fester in seinen Mantel, je stärker der Wind
Bläst.

Der Sonne gelingt es leicht, ihre Überlegenheit zu beweisen, Sie
scheint – der Wanderer zieht seinen Mantel selbst aus, weil ihm zu
warm wird.

Der Gedanke, elastisches Verhalten der Anwendung starrer Gewalt vorzuziehen, wurde schon vor Jahrtausenden von chinesischen Denkern gelehrt. Er wird seit alter Zeit in Asien gepflegt und ist Teil der Mentalität breiter Volksschichten geworden.

Bert Brecht in seiner „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Wege des Laotse in die Emigration“:

... doch am vierten Tag im Felsgesteine
hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:
„Kostbarkeiten zu verzollen?“ – „Keine“.
Und der Knabe, der den Ochsen führte,
sprach: „Er hat gelehrt“.
Und so war auch dies erklärt.
Doch der Mann in einer heitren Regung
fragt noch: „Hat er was rausgekriegt?“
Sprach der Knabe: „Dass weiche Wasser in Bewegung
mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt ...“

Jigoro Kano erläuterte uns die kampftechnische Anwendung dieses Lehrsatzes:

Ein Mann schiebt seinen Gegner vor sich her. Der Angreifer ist stärker als der Verteidiger, d.h. Angreifer hat 10, der Verteidiger 7 Krafteinheiten. Es hätte für den Verteidiger keinen Sinn, auch zu schieben oder stehen bleiben zu wollen. Widersetzt
er sich jedoch zum Schein, verleitet den Angreifer, seine ganze Kraft einzusetzen und dreht sich dann plötzlich zur Seite, so stößt die Kraft des Angreifers ins Leere:



Der Angreifer verliert seine Balance. Der Verteidiger bleibt im Vollbesitz seiner 7 Krafteinheiten, während der andere auf Grund seiner schlechten Stellung nicht einmal mehr über die Hälfte seiner Kraft verfügen kann und z.B. nur noch 3 Krafteinheiten besitzt. In dieser Situation kann der anfangs Unterlegene den anderen leicht zu Boden werden und besiegen.

Es gibt aber auch Situationen, in denen man durch Nachgeben keinen Erfolg hat. Ein solcher Angriff ist eine Umklammerung von hinten. Wenn das Kräfteverhältnis zwischen Angreifer und Verteidiger ähnlich ist, wie im vorigen Beispiel, erscheint es unmöglich, aus den starken Armen zu entkommen. Hier hilft kein Nachgeben, sondern man muss, um sich zu befreien einen schwachen Punkt finden und angreifen: Der Verteidiger erfasst die beiden kleinen Finger des Angreifers. In beiden Händen hat der Schwächere mehr Kraft als ein Muskelprotz in zwei Fingern. Der Verteidiger braucht die kleinen Finger des Angreifers nur außen zu biegen, um den Gegner gefügig zu machen.

Man kann sagen: Judo ist die Lehre von der traditionellen Kraftanwendung:

1. Man soll seine Kräfte so geschickt wie möglich gebrauchen, um eine
Maximale Wirkung zu erzielen.

2. Man soll mit seinen Kräften haushalten, um ein Ziel mit mini-
malen Kraftaufwand zu erreichen.

Dem Judoka nützt das Wissen um diese Prinzipien allein noch gar nichts. Er muss üben, um im Laufe der Zeit geschickter, schneller und erfahrener als zwar stärkere aber weniger Geübte zu werden:

Es ist ein weitverbreiteter Irrtum zu glauben, dass dies „mühelos“ möglich ist – es ist mühevoll !

Technik ist die Anwendung
Anstrengungen zu vermeiden
(Ortega y Gasset)

J. Kano lehrte, dass intensives Üben der Kampftechniken ein Erziehungsmittel sei, um zu dem höheren Ziel „gemeinsames Wohlergehen“ zu gelangen.

Das Üben von Judotechniken, die darauf basieren, die eigene Kraft geschickt im günstigen Augenblick einzusetzen, soll den Übenden veranlassen, eine ähnliche Haltung auch im täglichen Leben einzunehmen.

Das Judotraining erfordert Geduld, Beherrschung und Rücksichtnahme auf den Partner. Geht man davon aus, dass eine auf bestimmtem Gebiet gewonnene Erfahrung auch auf andere Handlungen eines Menschen Einfluss ausübt, wird Judo „äußerlich angewandt“ die Psyche des Individuums positiv beeinflussen, ihm helfen zu innerer Gelassenheit zu gelangen und die Entwicklung zu einem verständnisvollen Mitglied der Gemeinschaft fördern.